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Teresa von Ávila – Patronin der Schachspieler

Essay von Georg Schweiger

Teresa von Ávila, Ausschnitt aus dem Gemälde von Peter Paul Rubens, 1615

Die Sehnsucht des Menschen nach göttlichem oder überirdischem Beistand bei bestimmten Tätigkeiten zieht sich durch Jahrtausende. Schon im alten China und in Indien gab es Patrone für alle möglichen Berufe und Beschäftigungen, in der griechischen und lateinischen Antike ebenso spezielle Götter und Musen, die für jeweils eigene Bereiche zuständig waren. In der christlichen Tradition wimmelt es geradezu von Patronen und Schutzheiligen für alle denkbaren Lebensbereiche. So ist es eher verwunderlich, dass für das Schachspiel, ein Kulturgut ersten Ranges und weit über ein Jahrtausend von seinen Adepten leidenschaftlich gepflegt, so lange kein Patronat benannt war.

Teresa von Ávila, 1615 von Peter Paul Rubens

Die Vorgeschichte: Patronat vor Teresa

Wohl den meisten Schachspielern ist der Name Caissa geläufig, ohne dessen Ursprung oder genaueren Hintergrund zu kennen. Zahlreiche Schachvereine sind nach Caissa benannt, auch Schachprogramme, es gibt Zeitschriften gleichen Namen und vor allem viele Redewendungen. „Er ist ein Liebling Caissas“, „er war ein Meister auf Caissas Feldern“, „Caissa hat ihn mit Blindheit geschlagen“, „die unergründliche Caissa wandte sich von ihm ab“ und viele ähnliche Metaphern zeigen den Bekanntheitsgrad.

Caissa gilt dabei als Göttin des Schachs, auch als Muse oder Nymphe. Tatsächlich handelt es sich aber um eine neuzeitliche Erfindung. Der englische Indologe Sir William Jones (1746–1794) verfasste 1763 das Gedicht Caissa, or the Game at Chess, in dem zum ersten Mal die Schachmuse Caissa vorkommt und Götter auf dem Olymp Schach spielen1. Inspiriert hierzu wurde Jones durch das berühmte lateinische Schachgedicht Scacchia ludus des Marcus Hieronymus Vida (1490–1566). In diesem 1525 gedruckten Werk des späteren Bischofs von Alba (seit 1532) soll die Nymphe Scacchis auf Geheiß der Götter den Menschen das Schachspiel bringen2. Obwohl der Name Caissa in Schachkreisen allgemein verbreitet ist, dürften nur äußerst wenige deutsche Schachfreunde das auf Englisch verfasste Gedicht von William Jones kennen, dem sie diese Schachgöttin verdanken. Erst 2018 wurde es erstmals von Markus Jahn, Bettina Zander und Emil Oswald ins Deutsche übertragen und ist seitdem in einer schönen Broschüre von Emil Oswald erhältlich3.

Es ist schon kurios, dass eine von einem 16jährigen erfundene Schachgöttin „aus der Antike“ eine derartige Verbreitung fand, andererseits aber keine christliche Schutzheilige ernannt wurde, obwohl gerade Kleriker das Schachspiel über viele Jahrhunderte sehr pflegten. Michael Ehn schreibt: „Wem die heidnische Schachmuse nicht wirklich akzeptabel erscheint, der darf sich seit einigen Jahrzehnten über eine christliche Patronin des königlichen Spiels erfreuen.“4

Teresa, eine sehr gut gewählte, geradezu ideale Patronin

Es dauerte tatsächlich bis 1944, bis eine christliche Heilige, nämlich Teresa von Ávila5 kirchenamtlich zur Schutzpatronin der spanischen Schachspieler ernannt wurde. In vielen schachhistorischen Werken und auch im Internet wird – wohl fälschlich – behauptet, Papst Pius XII. habe sie zur Schutzpatronin aller Schachspieler ernannt6.

Wie auch immer: Die Informationen zu Caissa wie zur Ernennung von Teresa sind sowohl unter Schachspielern als auch unter Teresa-Experten relativ unbekannt geblieben. Selbst in den meisten Schachlexika kommt als Stichwort nur Caissa vor, aber nicht Teresa.

Hier soll nun gezeigt werden, dass Teresa tatsächlich eine sehr gute Wahl war und sie geradezu die ideale und in jeder Hinsicht passende Patronin für das Schachspiel ist.

Hierfür gibt es nämlich mehrere miteinander verbundene Gründe, auf die im Folgenden näher einzugehen ist:

Teresa war Spanierin, lebte im 16. Jahrhundert und kannte daher schon das Schach nach den neuen Regeln (mit mächtiger Figur der Dame). Sie stammte von zum Christentum konvertierten Juden ab, sogenannten Conversos, behauptete sich als Frau in einer von einer Männerhierarchie dominierten Welt, ist zudem nicht nur eine katholische Kultfigur als Klostergründerin, Heilige und Kirchenlehrerin, sondern genießt als große Mystikerin auch bei Nicht-Katholiken aufgrund ihrer Spiritualität höchstes Ansehen. Sie spielte in ihrer Jugend Schach und verwendete in ihren Schriften äußerst originelle Schachmetaphern. Nicht zuletzt ist sie als Person und Mensch ein großes Vorbild.

Teresa – ideal als Spanierin

Warum eignet sie sich aufgrund ihrer Herkunft aus Spanien?

Spanien war im 8. und 9. Jhd. eines der wichtigsten Einfallstore für das Schachspiel auf dem Weg nach Europa.

„Höchstwahrscheinlich kam das Schachspiel über die Araber nach Europa … Im Jahr 711, unter der politischen Führung des Kalifen von Damaskus, gewannen die Araber rasch die Kontrolle über einen Großteil der Iberischen Halbinsel. 756 begründete Abd ar-Rahman I. das Emirat von Cordoba.“7 In kurzer Zeit entstand eine prosperierende Kultur mit relativ großer Toleranz und vielfältigen Beziehungen zwischen Muslimen, Juden und Christen.

Das unabhängige Kalifat von Cordoba unterhielt enge Handelsbeziehungen zu Bagdad, der Machtbasis des Abbasiden-Kalifats. Auf die Kultur in Bagdad wirkten wiederum viele nordpersische Einflüsse ein, und so kam es u.a. zur Übernahme des persischen Schachspiels.

In einem Aufsatz hat der spanische Schachhistoriker Ricardo Calvo die besondere Rolle des persischen Musikers Ziriab bei der Einführung des Schachspiels in Spanien herausgearbeitet8. Ernst Strouhal schreibt hierzu: „Als Ziriab am Ende seiner Reise von Bagdad in Algeciras im Jahr 822 an Land ging, wurde er vom jüdischen Sänger Mansur al-Jehudi empfangen, der die Verbindung mit dem Cordobeser Hof für Ziriab hergestellt hatte. Man kann dem spanischen Historiker und Schachmeister Ricardo Calvo zustimmen, wenn er meint, dass man sich des gleichnishaften Charakters dieser Begegnung nur schwer entziehen kann.

Aus den Händen eines persischen Musikers erhält das muslimische Europa das Schachspiel über Vermittlung eines jüdischen Sängers, der es an die Christen Spaniens weitergibt.“9

Auch wenn dieses Bild der Toleranz in einem weltoffenen Europa laut Strouhal wohl zu heiter und friedfertig ist, gab es zumindest in den Anfängen tatsächlich viele fruchtbare Beziehungen zwischen den Angehörigen der drei Weltreligionen und allgemeinen geistigen Aufschwung. Das Schachspiel erlangte in dieser intellektuellen Atmosphäre einen großen Stellenwert.

Sichtbar und deutlich ist dies vor allem im Schachbuch von Alfons dem Weisen, dem christlichen König von Kastilien und León (Regierungszeit 1252–1284):

„Das 1284 am Hofe des spanischen Königs Alfons des X., der ‚der Weise‘ genannt wird, fertiggestellte Buch ist … das wahrscheinlich schönste Buch zur Kulturgeschichte des Spiels überhaupt.“10 Aus den Illustrationen und Belegen ist ersichtlich, dass das Schachspiel auch von der christlichen Bevölkerung intensiv gepflegt wurde.

Teresa – ideal als Person des 16. Jahrhunderts

Nachdem das Schachspiel über Jahrhunderte nach den alten persisch-arabischen Regeln gespielt worden war, entstand in Renaissance und beginnender Neuzeit aufgrund sich ändernder gesellschaftlicher Entwicklungen das Bedürfnis nach einer Beschleunigung und Dynamisierung des Spiels.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts setzten sich neue Spielregeln in Spanien, Italien und Südfrankreich durch. Herausragendes Merkmal im neuen Schach wurde die Langschrittigkeit von Läufer und vor allem der Dame.

Die Macht der neuen Dame kommt einer Revolution gleich: Ursprünglich die Figur des fers (Wesirs), der, wie der König selbst, nur auf ein benachbartes Feld ziehen konnte, wurde sie zur dominierenden, noch dazu weiblichen Figur.11 Im 16. Jahrhundert hat das neue, moderne Schach seinen schnellen Siegeszug angetreten.

Welche kulturelle Atmosphäre konnte für solch einen Wandel den Boden bereiten? Eine weibliche Figur in dominierender Rolle? Forscher haben dazu viele Spekulationen angestellt und Belege zu finden versucht.

Bereits Joachim Petzold12 hat auf den Zusammenhang mit der Gottesmutter Maria hingewiesen, also einen religiösen Bezug. An neueren Werken, die sich mit der Entstehung des neuen Schach befassen, sind vor allem zwei zu nennen: Das äußerst detaillierte Buch von Peter J. Monte The Classical Era of Modern Chess13 und das sehr anregende Birth of the Chess Queen von Marilyn Yalom14. Neben anderen zusätzlichen wichtigen Aspekten werden auch hier die immer bedeutendere Rolle der Jungfrau Maria im Katholizismus des 15. Jahrhunderts und damit verbunden der sich stark ausbreitende Marienkult sowie – um auf Spanien zurückzukommen – die starke Königin Isabella hervorgehoben.

Isabella von Kastilien, unbekannter Maler um 1490

Isabella von Kastilien und ihr Mann Ferdinand von Aragon regierten von 1474–1504. Isabella spielte an ihrem Hofe selbst sehr gern Schach, das zu ihrer Zeit äußerst populär war. Als „Warrior Queen“15 hatte sie zusammen mit ihrem Mann König Ferdinand einen erfolgreichen Kampf gegen die Reste islamischer Herrschaft in Cordoba und Granada geführt und sich so als mächtige Königin erwiesen. Mit der Aussendung der Schiffe von Christoph Columbus 1492 legte sie die Basis für das spanische Weltreich. Andererseits hatte Isabella maßgeblich die Inquisition in Spanien mit eingeführt und – gepaart mit fanatischem Antisemitismus – die Judenverfolgung betrieben. Sie wollte alle spanischen Juden zwingen, zum christlichen Glauben zu konvertieren, und alle, die sich weigerten, wurden gezwungen, das Land zu verlassen.

Teresa – ideal als „conversa“

Welche Rolle spielten die Conversos im Spanien des 15. und 16. Jahrhunderts?

Diese Diskriminierung und Verfolgung der Juden spielte auch im Leben Teresas eine große Rolle. Teresa stammte aus einer jüdischen Familie. „Teresas Vater, Don Alonso Sanchez de Cepeda, eines von mehreren Kindern des Juan Sanchez de Toledo, eines begüterten jüdischen Kaufmanns, und dessen Ehefrau Ines de Cepeda, war ca. 1480 in Toledo geboren und 1485, als die Inquisition dort ihr Tribunal aufschlug, zusammen mit der ganzen Familie getauft worden. Das zeigt, dass die Juden schon vor ihrer endgültigen Vertreibung 1492, als sie vor die Wahl gestellt wurden, entweder das Land zu verlassen oder aber zu konvertieren, vielerlei Pressionen ausgesetzt waren. Durch diesen Umstand gehörte er zu den sogenannten Conversos, einer bis ins 18. Jahrhundert hinein diskriminierten Bevölkerungsschicht in Spanien. Vielfach glaubten die Alt-Christen ihren neuen Glaubensgenossen nicht, dass sie aus ehrlichen Gründen konvertiert hatten, zum anderen verleitete viele der Neid ihnen gegenüber dazu, ihnen das Leben schwer zu machen.“16

Teresas Vater zog nach Ávila. Er hatte sich einen Adelstitel gekauft und musste diesen in einem langwierigen Prozeß erneut bestätigen lassen, zu einer Zeit, als Teresa fünf bis acht Jahre alt war. Alle ihre Brüder wanderten später nach Westindien aus, wo sich niemand für ihre wahre Abstammung interessierte.

„Für die Familie Cepeda y Ahumada galt es in diesen Jahren heftiger sozialer Spannungen, stillzuhalten, nirgends aufzufallen und sich möglichst aus allen Konflikten herauszuhalten.“17

Die wohlhabende, erfolgreiche Handelsfamilie war sehr christlich-religiös geprägt. Die attraktive und lebenslustige Teresa war dreizehn, als ihre Mutter starb und hatte elf Geschwister, unter diesen acht jüngere Brüder.

„Neben ihrer heimlichen Liebe für modische Ritterromane widmete sie sich dem Schachspiel, übte sich im Gesellschaftstanz, ritt gerne aus, liebte schöne Stickereien.“18 Mit dem Schachspiel dürfte man in allen gehobeneren Familien vertraut gewesen sein, besonders verbreitet war es aber vor allem bei Conversos. Die Beziehung der Conversos zum Schach hat insbesondere der englische Schachhistoriker Victor Keats in mehreren Standardwerken untersucht.19

Durch den Aufschwung des Buchdrucks, unter anderem mit deutschen Druckern in Salamanca, Valencia und Saragossa, fanden viele Schachbücher, die das neue Schach propagierten, schnelle Verbreitung – ihre Autoren waren häufig Conversos. So z.B. Luis de Lucena, dessen Repetición de amores y arte de axederes 1497 in Salamanca gedruckt wurde.

Im Jahre 1561 – also zu Lebzeiten von Teresa – erschien dann ein berühmt gewordenes Schachbuch von Ruy López de Segura, dessen Geburtsort Segura de León, eine fast ausschließlich jüdische Stadt, am Weg der spanischen Juden lag, die 1492 das Land in Richtung Portugal verließen20. Das Besondere, aber keineswegs Ungewöhnliche ist, dass Ruy López als Converso katholischer Geistlicher war. Die Kirche hatte Converso-Priester in beträchtlicher Zahl, sogar der Bischof von Burgos war ein Ex-Rabbi. Kirstin Downey schreibt in ihrer Isabella-Biografie21, dass in Kastilien zur Zeit Isabellas mindestens vier Bischöfe Conversos waren. Man kann sich vorstellen, dass das Verhältnis zwischen Alt-Christen und altem spanischen Adel auf der einen und „Emporkömmlingen“ aus den Reihen konvertierter Juden auf der anderen Seite ein höchst spannungsgeladenes, konfliktreiches war.

Einzig bekannte Abbildung von Ruy López

Teresa – ideal als Frau

Wie war die Stellung der Frau im Spanien ihrer Zeit?

Diskriminierung und Nachteile erlebte Teresa nicht nur als Spanierin mit Converso-Hintergrund, sondern auch aus der Tatsache, als Frau geboren zu sein. Die selbstbewusste und eigenwillige Teresa entsprach sicher nicht den Vorstellungen, die das patriarchalische Spanien des 16. Jahrhunderts von einer Frau hegte, sowohl innerhalb der katholischen Kirche als auch in der Gesellschaft überhaupt.

Als junges Mädchen erschien ihr die Rolle einer Ehefrau nicht sehr erstrebenswert. Verheiratet wurden Mädchen damals mit 13 bis 15 Jahren, sie allerdings ließ sich mit ihrer Entscheidung lange Zeit und wies so manchen Bewerber ab. 1535 trat sie im Alter von 20 Jahren in ein Karmelitinnenkloster in Ávila ein.

Zwei Nonnen unterrichten zwei junge Novizinnen im Schachspiel, Das Buch der Spiele, Alfons X. „der Weise“

„Das Ordensleben sah Teresa gerade für Frauen als Freiraum, weil Christus sie ‚davon befreit hat, einem Mann unterworfen zu sein, der ihnen oftmals ihr Leben ruiniert und gebe Gott, nicht auch ihre Seele‘, (Teresa: Buch der Gründungen 31,46) Damit sprach Teresa etwa drei Monate vor ihrem Tod ganz unverblümt und kritisch die wirkliche Situation der meisten Frauen an.“22

Auch als Nonne musste sie sich ständig ihre religiöse Freiheit gegenüber einer ausgesprochenen Männergesellschaft und Männerkirche erkämpfen. „Aus ihrer kontemplativen Lebensschau übt sie Kritik an der diskriminierenden Haltung der offiziellen kirchlichen und weltlichen Instanzen gegenüber den kontemplativen Frauen, gegenüber den Neu-Christen, zu denen sie selbst als Enkelin jüdischer Großeltern von Vaters Seite gehörte, sie klagt das spanische Ehrgefühl (la honra) und die übertriebene Wertschätzung der Adligen an als die Erbsünde einer ganzen Nation.“23

„Teresa wagt als Frau Neues und Ungewöhnliches, daher ist sie doppelt verdächtig. Doch sie lässt sich nicht einschüchtern, sie setzt sich scharf mit der Inquisition auseinander, und sie tut dies im Gespräch mit Gott.“24 Plattig fährt fort: „Teresa ist klug bezüglich ihrer Schriften, sie legt sich nicht eindeutig fest, um im Falle eines Verhörs durch die Inquisition einen Interpretationsspielraum zu haben.“

Schon bald nach ihrem Tod (1582) wurde sie Patronin Spaniens, und obwohl sie als größte Mystikerin galt, dauerte es bis 1970, dass sie von Papst Paul VI. zur Kirchenlehrerin erhoben wurde – als erste Frau überhaupt. Bis heute gibt es in der katholischen Kirche nur vier Kirchenlehrerinnen.

Teresa – ideal als moderne Leitfigur

Zur Zeit der Abfassung dieses Aufsatzes im Mai 2019 sehe ich durchaus Parallelen zur aktuellen Protestbewegung Maria 2.0 aktiver, engagierter Katholikinnen, die fast 500 Jahre nach Teresas Wirken immer noch gegen die Dominanz der Männer in der Kirche kämpfen müssen, weil ihnen – wie schon zu Teresas Zeiten – an sich selbstverständliche Rechte als Frauen vorenthalten werden.

In unserer Zeit kommt dieser spanischen Ordensfrau aber auch außerkirchlich großes Interesse zu: Die Sehnsucht nach Mystik und spiritueller Erfahrung, nach eigenen Wegen auf der Sinnsuche wächst allerorten. Yoga, Zen, Esoterik in allen Varianten boomen und für Personen, die von der dogmatisch ausgerichteten Institution Kirche enttäuscht sind, bietet Teresas subjektiver Weg der Sinnsuche vielerlei Anregungen.

Sogar der Feminismus hat Teresa als mögliche Leitfigur entdeckt: In der Inselgalerie Berlin fand vom 30.04. bis zum 30.05.2015 unter dem Titel Teresa von Ávila. Mystik und Überschreitung, eine internationale Ausstellung zur 500. Jahresfeier ihrer Geburt statt.25

Es handelte sich um ein deutsch-spanisches Projekt mit 20 internationalen Künstlerinnen, in dem vor allem „auch der Stand der Emanzipation der Frauen heute reflektiert“ werden sollte. (Zitat: Einladungskarte). Die Ausstellung ist eine Hommage an Teresa als Vorkämpferin des Feminismus: „Teresa überschreitet furchtlos die ihr als Frau auferlegten Vorschriften … Teresa trotzt den Gesellschaftsnormen ihrer Zeit.“

Teresa folgte in ihrem Kampf durchaus Prinzipien und Strategien, die auch für Schachspieler angesagt sind: Sie hatte Leidenschaft und den Mut, den eigenen Weg zu verfolgen, zähe Beharrlichkeit, vorsichtige und abwägende Klugheit in ihrer Vorgehensweise, unbändige Willenskraft trotz körperlicher Beschwerden. Sie war nicht konfliktscheu, konnte aber geschickt taktieren und setzte sich nicht unnötig Gefahren durch die übermächtige Hierarchie aus.

Drei Schwestern beim Schachspiel, Sofonisba Anguissola um 1555

Es besteht kein Zweifel, dass auch die Schachwelt sehr dominiert von Männern ist, die viele Vorurteile gegenüber Schach spielenden Frauen haben. Die Schachzeitung British Chess Magazine bietet unter dem Titel Women in Chess in ihrer Ausgabe vom Mai 2019 eine aufschlussreiche Untersuchung mit zahlreichen historischen und aktuellen Beispielen26 – höchste Zeit für die männerdominierte Schachwelt zu erkennen, dass ihr eine Frau wie Teresa als Patronin durchaus guttut.

Teresa – ideal als große Schriftstellerin

Teresas Texte zählen heute zur Weltliteratur, für ihren eleganten literarischen Stil wird sie hoch gelobt. Ihre Autobiografie ist ein heute noch lesenswertes Meisterwerk. Aufgrund ihrer Verdienste um die spanische Sprache wurde Teresa – die Nationalheilige Spaniens – zusätzlich zur Patronin der spanischen Schriftsteller ernannt.

Auf den Vorschlag des spanischen Schachverbandes (FEDA) vom 2. Februar 1941, sie zur Patronin der Schachspieler zu erklären27, folgte drei Jahre später, am 14. Oktober 1944 die Erklärung und Ernennung der zuständigen Kirchenbehörde, unterzeichnet von Erzbischof Leopoldo von Madrid-Alcala.28

Dies ist laut Pater Dr. Ulrich Dobhan, Provinzial der deutschen Karmelitenklöster und Autorität in Sachen Teresa, die einzige kirchenamtliche Verlautbarung, die es gibt.29 Die Begründung im kirchlichen Dekret ist, dass sich in Teresas Schriften Anspielungen auf Schach (alusiones) finden, insbesondere wird dabei im Original auf das Kapitel XXIII im Weg der Vollkommenheit hingewiesen. In heutigen Ausgaben ist dieser Abschnitt in ein eigenes Kapitel gefasst: Kapitel 24.30

Die schachlichen Metaphern Teresas sind sämtlich sehr originell und von tiefem Bedeutungsgehalt. Schachspieler werden bei einer nur oberflächlichen Lektüre diese Analogien vielleicht sogar unpassend oder unverständlich finden, ohne den Kontext und Zugang zu Teresas Mystik sind ihre Bilder, z.B. bei der Analogie der Liebe zu Gott und einer Partie Schach mit ihm, rätselhaft. Da wohl die meisten Schachspieler die Quellen nicht kennen, seien die das Schach betreffenden Passagen hier ausführlicher zitiert:

„1. Es komme euch das alles nicht als weitschweifig vor, denn ich baue das Spiel erst einmal auf, wie man so sagt … Ihr habt mich gebeten, euch etwas über den Anfang des inneren Betens zu sagen … Doch glaubt mir, daß einer, der beim Schachspiel die Figuren nicht einmal richtig aufstellen kann, nur schlecht spielen kann, und wenn er nicht Schach bieten kann, wird er auch nie schachmatt setzen können! Eigentlich müßtet ihr mit mir schimpfen, da ich vom Spielen rede, wo es doch das in diesem Haus nicht gibt und auch nicht geben soll. Da seht ihr, was für eine Mutter euch Gott gegeben hat, die sogar etwas so Albernes lernte, doch heißt es, daß es manchmal erlaubt sei. Und wie sehr ist es uns erlaubt, dieses Spiel zu spielen! Wie schnell werden wir diesen göttlichen König schachmatt setzen, wenn wir es oft spielen, so daß er uns nicht mehr entkommen kann, ja es auch gar nicht will.

2. Die Königin ist es, die ihm in diesem Spiel am meisten zusetzen kann, und alle anderen Figuren helfen ihr dabei. Nun gibt es keine Königin, die ihn so sehr dazu bringen kann, sich zu ergeben, wie die Demut …

4. An den Anfängen konnte er noch nicht einmal das Spiel aufbauen, er glaubte, es reiche schon, die Figuren zu kennen, um schachmatt zu setzen, was aber unmöglich ist, denn dieser König ergibt sich nur dem, der sich ihm ganz hingibt …“

Josef Seifert hebt in seiner Schachphilosophie bei der Interpretation dieser Stellen die Frische und Originalität der Gedanken hervor und deutet sie detailliert im Kontext31, wofür hier allerdings nicht der Platz ist. Interessierte mögen die Interpretationen selbst nachlesen.

Teresa – ihr Fortwirken, ihre Spuren

Eine hervorragende Einführung zu Teresa bietet Bernhard Lang in seinem Artikel Im frommen Spiel mit Gott im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung zum 500. Geburtstag von Teresa32. Darin bespricht er u.a. die neuen Biografien von Alois Prinz (2014) und von Linda-Maria Koldau (2014) und stellt den 2008 erschienenen Roman Thérèse mon amour von Julia Kristeva vor. Kristeva gelingt es, „Teresas Leben und Werk mit psychoanalytischer Schärfe zu durchdringen …“, ihr Werk zähle in der Gegenwart zu den anspruchsvollsten Auseinandersetzungen mit der Mystikerin.

In seiner viel gelesenen Schachkolumne im Zeit-Magazin hat Helmut Pfleger in der Ausgabe vom 17.08.2017 Teresa und ihre Schachmetaphern gewürdigt. U.a. schreibt er über die ambivalente Haltung dem Schach gegenüber: „Teresa kannte auch die Versuchungen des Schachspiels, das schnelle Zerstreuung und eine Befriedigung der eigenen Eitelkeit versprach. Zwar verboten die Ordensregeln das Spiel nicht explizit, doch in den Erholungszeiten der Nonnen war es verpönt.“

Einige Aspekte zu dieser ablehnenden Haltung und zur moralischen Bewertung des Schachspiels für Kirchen- und Ordensleute finden sich in den Anmerkungen bzw. Fußnoten der Übersetzung von P. Ulrich Dobhan33, wo unterschiedliche Meinungen von Dominikanertheologen des 15. und 16. Jahrhunderts zitiert werden.

Unter Schachfreunden dürfte bekannt sein, dass sich in Deutschland vor allem Konrad Reiß aus Zörbig (lange Vorsitzender des SK Löberitz) um Teresa sehr verdient gemacht hat. Im von ihm gegründeten Schachmuseum Löberitz in Sachsen-Anhalt ist die Schachbibliothek Theresia von Ávila beheimatet. Er hat im Internet einen Artikel über sie veröffentlicht und das Theresia von Ávila-Turnier im Bistum Magdeburg ins Leben gerufen. Diese Schachmeisterschaft im Bistum Magdeburg findet seit 1997 jährlich statt und die hierzu herausgegebenen Turnierbroschüren sind geradezu eine Fundgrube für „Teresiana“, sie haben dazu beigetragen, Teresa für die Öffentlichkeit präsenter zu machen.

In dieser Wunderkammer für Teresa-Kuriositäten findet sich ein Aufsatz von Ulrich Grammel: Teresa von Ávila und ihre Beziehungen zum Schachspiel, entdeckt und vermittelt vom Tübinger Schachsammler Dr. Hans Ellinger. Erschienen ist der Aufsatz 1987 im Report Nr. 1 des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Umwelt und Forsten des Landes Baden-Württemberg (!!) anlässlich des 60. Geburtstags eines Ministerialdirektors in diesem Ministerium – wahrlich ungewöhnlich für einen solchen Text!34

Persönliches Fazit

Man kann die Welt über jeden Gegenstand betreten35 – das Detail, über das ich gestolpert bin, waren ein paar Schachmetaphern – und neue Räume mit vielen Türen taten sich auf.

Ich muss gestehen, dass ich bis vor kurzem nur wenig über Teresa wusste, inzwischen aber beeindruckt bin von dieser faszinierenden Persönlichkeit. Bei der – nicht einfachen – Beschäftigung mit ihr wird man auf viele Überraschungen stoßen. Gerade in Zeiten, in denen die Skepsis gegenüber der Institution Kirche immer mehr wächst, bietet Teresa eigenständige, ungewohnte Perspektiven. Ich habe die Lektüre von und über Teresa als Bereicherung für mich empfunden.

Georg Schweiger

Anmerkungen

  1. Jones, William: Caissa or The Game at Chess. A Poem. Engl. Text komplett enthalten in der Übertragung von E. Oswald, s. Anm. 3 ↩
  2. u.a. in der Ausgabe Das Schachgedicht von Hieronymus Vida (übersetzt von Alexander Baldi, Reprint der Ausgabe Berlin von 1873, Schachverlag H. Helten 1982) ↩
  3. Oswald, Emil: Blickershausen 2018, Projekt der Käsehütte © 2018, siehe unter www.Käsehütte.de online, vgl. auch Helmut Pflegers Schachkolumne im Zeit-Magazin Nr. 21, 16.05.2019. über E. Oswald ↩
  4. Ehn, Michael, und Kastner, Hugo: Alles über Schach. Hannover, 2010, S. 20 ↩
  5. In Deutschland gab es lange die Schreibweise Theresia von Ávila, sie selbst nannte sich als Nonne Teresa de Jesús ↩
  6. vgl. hierzu unter Anm. 29 die Aussage von P. Dr. Ulrich Dobhan, Provinzial ↩
  7. Schafroth, Colleen: Schach. Eine Kulturgeschichte. München 2002, S. 36–39 ↩
  8. Calvo, Ricardo: Der Musiker, der das Schachspiel brachte. Schachjournal 1/1993 ↩
  9. Strouhal, Ernst: acht x acht. Zur Kunst des Schachspiels, Wien New York, 1996, Seite 18 ↩
  10. Buland, Rainer und Schädler, Ulrich (Hrsg.): Alfons X. „der Weise“, in: Das Buch der Spiele, LIT Verlag Wien 2009, Seite 13 ↩
  11. Strouhal, Ernst (Hrsg.): Vom Wesir zur Dame. Ein kulturhistorischer Skandal. Wien, 1995, S. 5 ↩
  12. Petzold, Joachim: Das königliche Spiel. Eine Kulturgeschichte des Schach. Leipzig, 1987 ↩
  13. Monte, Peter J.: The Classical Era of Modern Chess. McFarland & Co., Jefferson (USA) 2014 ↩
  14. Yalom, Marilyn: Birth of the Chess Queen. New York, 2004 ↩
  15. Downey, Kirstin: Isabella The Warrior Queen. New York, 2014 ↩
  16. Teresa von Ávila: Das Buch meines Lebens. 7. Aufl. Freiburg, 2013, Einführung durch P. Ulrich Dobhan, S. 17, 18 ↩
  17. Koldau, Linda Maria: Teresa von Ávila. Agentin Gottes 1515–1582. München, 2014, S. 41 ↩
  18. ebda. S. 46 ↩
  19. Keats, Victor: Chess, Jews and History: Volume I, Chapter 18, p. 205. Oxford 1994, und ders.: Chess in Jewish History and Hebrew Literature. Jerusalem, 1995, s. auch: Calvo, Ricardo, Lucena, Ciudad Real 1997 ↩
  20. Chicco, Adriano: Ruy López de Segura. Mailand, 1980 ↩
  21. Downey (siehe Anm. 15), S. 212 ↩
  22. Plattig, Michael: Kanon der spirituellen Literatur. Darmstadt, 2010, S. 190 ↩
  23. Prof. P. Dr. Otger Steggink, Nijmegen, S.12. im Katalog Teresa von Ávila, Ausstellung zum 400. Todesjahr der hl. Teresa von Ávila, München, 1982 ↩
  24. Plattig, siehe Anm. 22, S.192 ↩
  25. Ausstellungsflyer Inselgalerie Berlin, Berliner Fraueninitiative Xanthippe e.V., 2015 ↩
  26. British Chess Magazine, Volume 139, May 2019 ↩
  27. Santa Teresa de Jesus como patrona de los aficionados al ajedrez (Internet Chessbase auf Spanisch; Noticias de ajedrez Santa Teresa, patrona de ajedrecistas, vom 15.03.2015) ↩
  28. „patrona de los ajedrecistas espagnoles“: spanischer Originaltext 9 Zeilen. Letzter Satz: „Dado en nuestro palacio episcopal de Madrid a 14 de Octobre de 1944, Firmado Leopoldo, Obispo de Madrid-Alcalá“, veröffentlicht „en el periodico Imperio, Zamora 3 de Noviembre de 1944“ ↩
  29. Email von Pater Dr. Ulrich Dobhan vom 12.03.2019. Im Internet wurde wohl Falsches ungeprüft zitiert und weiterverbreitet. ↩
  30. zur Kapitelnummerierung Anm. Dobhan betr. Kap. 24 in seiner Übersetzung von Der Weg der Vollkommenheit, 2. Aufl. Freiburg, 2004, S. 160 ↩
  31. Seifert, Josef: Schachphilosophie. WBG Darmstadt 1989, S. 119 ↩
  32. Lang, Bernhard: Im frommen Spiel mit Gott. nzz.ch, 29.03.2015 ↩
  33. Dobhan, Ausgabe siehe 29, Anm. 4, S. 161 ↩
  34. Grammel, Ulrich: Teresa von Ávila und ihre Beziehungen zum Schachspiel. Sonderdruck des Schachmuseums Löberitz, 2014 ↩
  35. Strouhal, acht x acht, S. 1e. ↩

Erstmals erschienen in: Schach und Religion, Katalog der Schach- und Kulturstiftung G.H.S., 2019, S. 66–73.